Anforderungen an Schulgutachten für die Verbesserung der Durchschnittsnote - Sonderantrag Leistung bei hochschulstart.de

Anforderungen an Schulgutachten für die Verbesserung der Durchschnittsnote - Sonderantrag Leistung bei hochschulstart.de 

1. Der konkrete Fall

Beschlüsse des Verwaltungsgerichts (VG) Gelsenkirchen zur Abiturdurchschnittsnote einerseits und des VG Schleswig zum Auswahlverfahren der Hochschulen (AdH) andererseits in demselben Fall geben uns Anlass für diesen Beitrag, mit dem wir Ihnen die Anforderungen an Schulgutachten für die Verbesserung der Durchschnittsnote vorstellen:

Konkret erstrebte der Bewerber eine Zulassung zum Studium der Humanmedizin – er hatte eine Abiturnote von 1,5 – über einen Antrag  auf Nachteilsausgleich um 0,4 auf 1,1. Ihm war jedoch nur eine Bonifikation von 0,1 gewährt worden, die für eine Zulassung weder in der Abiturbestenquote noch im AdH ausreichte.

Beim VG Gelsenkirchen war der Antragsteller schon deshalb erfolglos, weil er auch mit einer verbesserten Durchschnittsnote von 1,1 die Anforderungen an nordrhein-westfälische Abiturienten in der Abiturbestenquote nicht erfüllt hätte: Für diese war im Wintersemester 2017/2018 eine Note von 1,0 erforderlich.

Nach ständiger Rechtsprechung des VG Gelsenkirchen ist für den Nachteilsausgleich im Rahmen der AdH-Quote die für die konkret vom Bewerber in erster Ortspräferenz gewählte Universität und das dazugehörige Verwaltungsgericht zuständig. Und damit kommt das VG Schleswig „ins Spiel“: 

Auch dort scheiterte der Bewerber mit seinem Zulassungsverlangen, weil ihm auch das VG Schleswig keine Notenverbesserung um 0,4 zubilligte: An den Nachweis, dass ein Studienbewerber ohne krankheitsbedingte Fehlzeiten in der gymnasialen Oberstufe eine um 0,4 verbesserte Durchschnittsnote erhalten hätte, seien strenge Anforderungen zu stellen. Diese hatte er mit dem vorgelegten Schulgutachten nicht erfüllt, obwohl die tatsächlichen Grundlagen für einen Nachteilsausgleich vorhanden waren: Immerhin hatte der Antragsteller in den einzelnen Halbjahren der Qualifikationsphase 162, 236, 125 und 100 Stunden versäumt – mit dem vorgelegten Schulgutachten nicht erfüllt:

Das VG übernahm jedoch die Auffassung von hochschulstart.de. Allein 26 der zusätzlichen Punkte entfielen auf den Leistungskurs Geschichte in der Qualifikationsphase (13 x 2). Der Fachlehrer ging davon aus, dass der Antragsteller bei regelmäßigem Schulbesuch in den einzelnen 4 Halbjahren der Qualifikationsphase statt der erhaltenen 11, 11, 12 und 13 Punkte in allen Halbjahren 15 Punkten hätte erzielen können, insgesamt damit 13 (doppelt zu wertende) zusätzliche Punkte. Allerdings wurde das im Schulgutachten nicht substantiiert begründet, sondern die Schule stellte lediglich pauschal darauf ab, dass die Übungszeiten im Unterricht gefehlt hätten und er in der Abiturprüfung 15 Punkte erreicht habe. Vergleichbare Noten aus der Zeit vor der Erkrankung habe er nicht vorgetragen, differenziertere Ausführungen seien nicht erfolgt. Damit waren die 15 Punkte in allen Halbjahren ohne die Erkrankung für das Gericht nicht nachvollziehbar.

Im zweiten Leistungskurs Biologie erzielte der Antragsteller in den einzelnen Halbjahren 13, 12,13 und nochmals 13 Punkte, in der schriftlichen Abiturprüfung 12 Punkte. Nach Ansicht der Fachlehrerin hätte er in den beiden Halbjahren der Q 2 jeweils 14 und in der Abiturprüfung 13 Punkte (insgesamt 7 zusätzliche Punkte) erzielen können, wenn er den Unterricht regelmäßig hätte besuchen können.

hochschulstart.de hat darauf hingewiesen, dass nicht schlüssig begründet sei, warum ein Ausgleich nur in der Q 2 erfolgte, obwohl in der Q 1 höhere Fehlstunden zu verzeichnen waren. Auch hier fehlten dem Gericht - wie auch zu der Abiturprüfung - differenziertere Ausführungen.

Für das Abiturfach Deutsch geht das Schulgutachten von zusätzlichen 10 Punkten in der Qualifikationsphase und 10 Punkten im Abiturbereich aus. Die Fachlehrerin hat dazu ausgeführt, aufgrund der Krankheitsphasen hätten sich Lücken in der analytischen Besprechung weiterer Ganzschriften ergeben, die sein Textverständnis, die Möglichkeit, Verknüpfungen herstellen und zu begründeten Urteilen gelangen zu können, soweit eingeschränkt, dass er den Bereich der Notenstufe „sehr gut“ nicht mehr erreicht habe; dies habe ihm unter günstigeren Voraussetzungen zugetraut werden müssen.

Auch dies sah das VG als pauschale Bewertung an, die nicht erkennen lasse, welche Aspekte eine sonst sehr gute Leistung vermuten ließen. Insbesondere gehe das Schulgutachten auf einzelne Klausuren oder Unterrichtsbeiträge nicht ein. Es sei nicht ersichtlich, warum der Antragsteller, der im Fach Deutsch anders als z.T. in den anderen Fächern in der gesamten Qualifikationsphase keine sehr guten Leistungen erbracht hat, nunmehr auch unter Berücksichtigung der Leistungsschwankungen in allen Halbjahren und in der Abiturprüfung jeweils 13 Punkte hätte erzielen können/sollen.

Danach kam es auf die weiter angenommenen Verbesserungen in den Fächern Mathematik (5 Punkte), Literatur (2 Punkte) und Englisch (11 Punkte) nicht mehr an. Daher trage unter Anwendung des erforderlichen strengen Maßstabes das Schulgutachten eine Verbesserung der Durchschnittsnote um mehr als 0,1 nicht. 

2. Hinweise

Ein ganz oder teilweise erfolgreicher Sonderantrag zum notenbezogenen Nachteilsausgleich hat zunächst nicht zur Folge, dass damit stets und unmittelbar - wie bei einem erfolgreichen Härtefallantrag - eine Zulassung für den betreffenden Studiengang im Bewerbungssemester erfolgt. Er führt vielmehr zunächst allein zu einem besseren Rangplatz in der jeweiligen Quote und damit nur zu einer Chancenverbesserung.

Ob diese dann für eine Zulassung ausreicht, ist eine Frage der für das jeweilige Bewerbungssemester konkret gegebenen Konkurrenzsituation. Die Erwartung, mittels eines solchen Antrags die im Abiturzeugnis ausgewiesene Durchschnittsnote von etwa 1,9 oder schlechter nunmehr auf die Höhenlage von 1,0 bis etwa 1,3 rechnerisch anheben zu können, um dann in der Abiturbestenquote dem exklusiven Kreis der dort aussichtsreichen Bewerber anzugehören, ist reines Wunschdenken. Trotzdem kann im AdH jedoch oftmals bereits eine geringere rechnerische Verbesserung der Durchschnittsnote der HZB dazu führen, dass der Bewerber jedenfalls in das von Hochschule zu Hochschule unterschiedliche Auswahlverfahren einbezogen wird. 

Die Aussichten, mit einem Antrag auf Nachteilsausgleich jedenfalls mit einer gewissen Notenverbesserung durchzudringen, sind wegen der strengen inhaltlichen Anforderungen und der zugleich hohen Nachweiserfordernisse sehr eingeschränkt. Zu betonen ist dabei erneut:

Eines eingehenden Nachweises bedarf es nicht nur für das Vorliegen eines Grundes, der sich leistungsmindernd ausgewirkt haben soll, sondern auch für die hypothetische Note, die ohne den auszugleichenden Nachteil voraussichtlich erreicht worden wäre.

Schullaufbahnbezogene Entscheidungen wie vorzeitige Einschulung, Überspringen von Klassen oder Jahrgangsstufen und damit etwa einhergehende altersbedingte Reife- und Leistungsdefizite gegenüber den Mitschülern der Jahrgangsstufe sind von vornherein keine Grundlage für eine Notenverbesserung. In einem anderen Fall hatte die Antragstellerin ihre Behauptung, die Grundschule habe gesetzeswidrig ihre „Identifizierung und Förderung der Hochbegabung“ unterlassen, nicht hinreichend dargetan. 

Die strengen formalen und inhaltlichen Anforderungen an Schulgutachten hat die Rechtsprechung wie folgt präzisiert:

Der Bewerber müsse nachweisen, dass und inwieweit er, wäre er entsprechend der vorgetragenen Hochbegabung und entsprechend den von ihm zitierten schulrechtlichen Vorschriften gefördert worden, eine bessere Abiturdurchschnittsnote erreicht hätte. Zum Nachweis ist neben der Vorlage der einschlägigen Schulzeugnisse regelmäßig ein Schulgutachten erforderlich, das den Zusammenhang zwischen dem behaupteten Nachteil und der Abiturdurchschnittsnote auf fachlicher Grundlage belegt und mittels dessen sich eine hinreichend gesicherte fiktive Durchschnittsnote für das Auswahlverfahren ermitteln lässt.

In einem Fall lag die Problematik unter anderem darin, dass die Antragstellerin die Schule während der ersten Wochen der Klassenstufe 10 gewechselt hatte, das Gutachten daher nur deren Leistungen in diesem Zeitrahmen zum Gegenstand hatte und deshalb keine Feststellungen dazu enthielt, ob die in den beiden ersten Trimestern der Klassenstufe 10 im Fach Englisch erzielte Note von 8 Punkten den bis dahin in diesem Fach üblichen Leistungsstand der Antragstellerin widerspiegelte. Auch hatte die Antragstellerin dem Antrag auf Nachteilsausgleich keine Zeugnisse der früheren Schule aus der Mittelstufe, die in diesem Zusammenhang aufschlussreich gewesen sein konnten, beigefügt.