Unter dem Stichwort Der „gedopte“ Prüfling

Unter dem Stichwort Der „gedopte“ Prüfling haben wir, die Rechtsanwälte Dr. Robert Brehm und Dr. Wolfgang Zimmerling vor vielen Jahren in der Zeitschrift „Forschung und Lehre“ 2008, Seite 522 f. einen Artikel veröffentlicht:

Gedopte Sportler – hier denken wir in der Zeit, in der diese wieder durch Frankreich „touren“ an die Radfahrer - werden, wenn man sie denn erwischt, gesperrt. Was aber ist mit einem – im weitesten Sinne – „gedopten“ Prüfling, der beginnend von Kaffee über „ein Sektchen“ bis hin zu Kokain in die Prüfung geht. Auf die Fragen eines Prüflings vor einer mündlichen Prüfung in einem Internet-Chat[1] „Hat hier jemand Erfahrung mit Beta-Blockern während einer Prüfung ? Zu welchem Beta-Blocker (Name, Dosierung“ würdet ihr raten ?“ kamen innerhalb weniger Tage zig Ratschläge, von denen wir einige berichten wollen: „Prüfungsvorbereitung und Baldrian“, „hochdosiertes Baldrian“, „vorher abends einen draufmachen“, „Hinweis auf wikipedia zum Betablocker“, „25-50mg Metoprolol“, „sich den Prüfer in Unterhosen vorstellen“, „psychologische oder psychotherapeutische Hilfe“  

Da Betablocker keine Angst dämpfen, sondern lediglich die Wirkung des „Stresshormons“ Adrenalin und des Neurotransmitters Noradrenalin (kompetitiv) hemmen, senken sie die Ruheherzfrequenz und des Blutdruck .

Während der „krankheitsbedingte Rücktritt“ von der Prüfung für die Prüfungsbehörde, die Prüfer und die Prüfungsanwälte „täglich Brot“ ist, stutzt man erst einmal bei der Frage, was prüfungsrechtlich mit einem „gedopten“ Prüfling geschieht. Hierbei stellen sich zwei Probleme, das Verhalten der Prüfungsbehörde einerseits und die Frage nach dem Rücktritt von der Prüfung andererseits, wenn das Dopingmittel entweder das falsche ist oder das richtige Mittel nicht zum Erfolg führt.  

 1.     Keine speziellen Rechtsgrundlagen

Die Prüfungsordnungen sehen Regelungen für den krankheitsbedingten Rücktritt und die an die Genehmigung dieses Rücktritts durch die Prüfungsbehörde zu stellenden Anforderungen vor. Diese sind in der Regel ein wichtiger Grund, dessen Nachweis (ggfls. durch amts- oder gerichtsärztliches Attest) und die Unverzüglichkeit des Rücktritts, der ohne schuldhaftes Zögern erfolgen muss. 

Rechtsfolgen für das Doping eines Prüflings sehen diese Prüfungsordnungen nicht vor. Damit fehlt eine Rechtsgrundlage, insbesondere auch eine Sanktionsnorm, die an das Dopen, sofern es denn nachgewiesen ist, rechtliche Folgen knüpft. Das Grundrecht der Berufsfreiheit - Art. 12 Abs. 1 GG - sieht Einschränkungen nur „durch Gesetz“ oder „aufgrund eines Gesetzes“ vor. Dies bedeutet, dass ein Prüfling durchaus vor der Prüfung das zu sich nehmen kann, was ihm gut tut oder von dem er jedenfalls glaubt, dass es ihm gut tut.

Allerdings: Er kann nicht seinen – oft nur vermeintlichen – Vorteil in Anspruch nehmen und dann, wenn er scheitert, sich darauf berufen, dass er ja „gedopt“ gewesen sei und deshalb wegen Prüfungsunfähigkeit von der Prüfung zurücktreten.

2. Der Prüfer

Erkennt der Prüfer, dass ein Prüfling offensichtlich medikamenten-, alkohol- oder rauschmittelbedingt in seiner Leistungsfähigkeit beeinträchtigt ist, so muss er die Frage der Prüfungsunfähigkeit von sich aus ansprechen und die Prüfung – unabhängig von der

Mitwirkungspflicht des Prüflings – abbrechen und den Prüfling ggfls. einem Amtsarzt vorstellen[2]. Er muss den Prüfling - ggfls. nochmals - über die Möglichkeit des Rücktritts belehren und ihm deutlich machen, dass sein  Rücktrittsrecht verloren geht, wenn er sich gleichwohl der Prüfung unterzieht, weil dann eine  „bewusste Risikoübernahme“[3] vorliegt. 

Eine (auch konkludente) Rücktrittserklärung ist nur dann grundsätzlich entbehrlich, wenn die dafür maßgebenden Gründe nicht nur erkennbar, sondern darüber hinaus offensichtlich und zweifelsfrei sind[4] oder wenn – z.B. wegen einer psychischen Erkrankung, nicht von einer „bewußten“ Risikoübernahme auszugehen ist. Erklärt ein Prüfling in der Prüfung, dass er „jetzt nicht mehr könne“ oder dass er „jetzt in Ruhe gelassen werden wolle“, so kann dies zwar ein Zeichen der Erschöpfung sein. Dem muss der Prüfer aber (noch) nicht von sich aus in der Weise nachgehen, dass er eine umgehende ärztliche Untersuchung veranlasst[5]

Dies gilt nach Auffassung des OVG Berlin[6] insbesondere dann, wenn sich der „psychische Block“ beim Prüfling erst als Reaktion auf einen negativen Prüfungsverlauf herausbildet. Allein der Umstand, dass ein Prüfling am Ende einer für ihn ungünstig verlaufenden Prüfung nicht einmal mehr Fragen beantwortet, die ein medizinischer Laie hätte beantworten können, lässt nach dieser Entscheidung nicht den Schluss auf das offensichtliche Vorliegen von Prüfungsunfähigkeit zu. Damit geht die Entscheidung erheblich zu weit: Wenn man die Prüfungsangst als Faktor ansieht, der als normale Reaktion auf diese Lebenssituation nicht zur Prüfungsunfähigkeit führt, dann muss jedenfalls in dem Zeitpunkt, in dem die Reaktion des Prüflings den „Normbereich“ verlässt, die Fürsorgepflicht des Prüfers eingreifen und dieser muss – ggfls. durch Unterbrechung der Prüfung und Überprüfung der Reaktionsfähigkeit des Prüflings versuchen, festzustellen, ob es sich noch um eine regelgerechte Reaktion auf das Prüfungsgeschehen handelt. Ist dies nicht feststellbar, muss die Prüfung abgebrochen und der Prüfling einem Arzt vorgestellt werden.

Nun lesen wir in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 11.03.2018 einen Artikel:

„Abkürzung über den Highway

Meine Freunde nahmen Pillen, wenn sie Hausarbeiten schrieben. Irgendwann probierte ich es auch. Von Moritz Eichhorn

Zuerst lockten die Pillen mich nicht. Ich dachte, das habe ich nicht nötig: Medikamente nehmen, nur um eine Hausarbeit zu schreiben. Viele meiner Kommilitonen taten genau das. Sie schluckten regelmäßig kleine Kapseln, um sich konzentrieren zu können. Vor allem Ritalin und Adderall. Ich studierte an einer britischen Uni, und besonders die Studenten aus Nordamerika schworen auf die Pillen. Es dauerte ein wenig, aber dann wusste ich, warum. 

Es war nicht so, dass meine Kommilitonen krank waren. Wenn sie wollten, konnten sie sich sehr gut ohne Medikamente konzentrieren. Sie waren kerngesund. Und sie waren intelligent genug, um den Uni-Stoff schnell zu kapieren. Wenn sie sich denn mal mit ihm beschäftigten. Die Sache lag anders: Meine Freunde wollten alles haben und auf nichts verzichten. Die Woche hindurch trinken, Dating, Sport machen, Filme schauen und dann von Donnerstagmittag bis Freitag durcharbeiten; Freitag war Abgabe. Und eine gute Note wollten sie auch. Das geht auf Dauer nur mit Doping.

Je mehr Leute ich traf, desto häufiger beobachtete ich solche Szenen: Jemand verabschiedete sich aus einer Runde, um in einen der Computerräume zu gehen, die über die Stadt verteilt waren und rund um die Uhr geöffnet hatten. „Ich muss bis morgen noch einen Essay schreiben“, hieß es. Als wäre ein Schalter umgelegt worden: Eben noch feixen, dann plötzlich stundenlang am Stück durcharbeiten. Am nächsten Tag war die Arbeit fertig und pünktlich abgegeben. Ich war fasziniert.

Ich hatte wenig zu verlieren, außer meiner Gesundheit

Es war etwa in der Mitte des Semesters, als bei mir selbst ein Abgabetermin bedrohlich nahe kam. Oder vielmehr, ich ihm. Keine Chance, unter normalen Umständen rechtzeitig fertig zu werden. Ich hatte wenig zu verlieren, dachte ich, außer vielleicht meiner Gesundheit. Aber die schien mir robust. Ich sagte mir, dass ich schädliche Folgen, wenn es welche gäbe, ja bei meinen Freunden beobachten können müsste. Ich sah aber keine. Ich sah souveräne, gutaussehende, sympathische Kids mit Grips. Es war zusätzlich ermutigend, dass auch zarte Mädchen die Medikamente nahmen. Und wenn es nicht klappte, wüsste ich wenigstens Bescheid, dass es mit dem Hype nichts auf sich hat.

Die Nordamerikaner verkauften ihre überschüssigen Pillen gerne an die Europäer. Sie hatten immer jede Menge übrig. Ich hatte gelesen, dass in Amerika zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen die Diagnose „krankhaftes Aufmerksamkeitsdefizit“ gestellt bekamen. Das kam mir übertrieben viel vor. Einer meiner Freunde war ein zackiger Kanadier. Seine Mutter hatte ihm schon, als er noch ein Bub war, jeden Morgen den Inhalt der Kapseln in die Cornflakes gestreut, erzählte er. Er kannte sich aus. Krank sei er freilich nicht, erklärte er mir. Sieben Pfund kostete eine Kapsel des Medikaments Adderall. Freundschaftspreis. Sechs bis sieben Stunden lang sollte sie wirken.

Ich hatte das Beste bekommen, was es gab

Die Pille war so groß wie ein Kopfhörerstöpsel, ihre Farbe war Neon-Orange. Zusammengesetzt aus zwei Hemisphären, eine blickdicht, eine durchsichtig, darin eingeschlossen Hunderte winzige Kügelchen. Ich hielt sie ans Ohr und schüttelte ein wenig. Fein hörte ich es rascheln, beinahe klimpern, ein Mikrorauschen. Ich wusste es in dem Moment noch nicht, aber ich hatte das Beste bekommen, was es gab: eine fünfundzwanzig Milligramm schwere Adderall-Extended-Release-Kapsel. Das heißt, der Wirkstoff schlägt nicht ein und flaut dann langsam ab, so wie bei Ritalin. Er wird kontinuierlich und ausgewogen ausgeschüttet. Jemand hat das mal so beschrieben: „Wenn Ritalin Salieri wäre, ist die Adderall-Extended-Release Mozart.“

Ich hatte immer zwei Schwierigkeiten gesehen, wenn ich in kurzer Zeit eine anständige Hausarbeit abliefern wollte. Erstens: Ich durfte mich über Stunden nicht ablenken lassen. Zweitens: Ich musste in schneller Folge viele Entscheidungen treffen: diese Quelle rein oder nicht, diesen Absatz an die Stelle oder an eine andere, und womit überhaupt anfangen? Die Konzentration sackte nach drei, vier Stunden normalerweise ab. Es wurde schwieriger, Ablenkungen zu ignorieren. Damit sollte nun Schluss sein.

Mein kanadischer Freund hatte mir geraten, erst mal nur die Hälfte der Kapsel zu nehmen. Also schraubte ich sie auf, streute mir etwa die Hälfte der Kügelchen auf die Zunge und spülte sie mit einem Schluck Wasser runter. Dann wartete ich ab. Nichts passierte. Dachte ich.

Internet, Zeitungsartikel, SMS, Tagträume: Alles egal

Vielleicht eine halbe Stunde war vergangen, da fiel mir etwas auf. Ich hatte eine CD in der Hand und beschäftigte mich damit. Las, was hinten draufstand, betrachtete sie von innen, dachte über die Musik darauf nach. Aber das alles tat ich nicht flüchtig, beiläufig, so wie sonst. Ich konzentrierte mich auf die CD. So, als gäbe es im ganzen Zimmer nur noch sie. Plötzlich war es schwieriger, sich von der CD abzuwenden als bei der CD zu bleiben. Die Droge versenkte mich in die Beschäftigung wie in einer Schublade. Ich zwang mich dazu, mich von der CD loszureißen und mit der Hausarbeit zu beginnen. Nun hatte ich das Gefühl, ich sei mit ihr allein auf der Welt. Es gab keine Ablenkung mehr: Internet, Zeitungsartikel, SMS, Tagträume. Alles egal.

Das hatte eine Kehrseite. Musste ich doch einmal raus, aufs Klo oder etwas zu trinken holen, blieb ich immer wieder Viertelstunden lang irgendwo hängen. Ich studierte ein Plakat oder nahm ein Buch in die Hand, das ich sofort zu lesen begann. Die Aufmerksamkeit war klebrig. Berührte sie etwas, hing ich fest.

Das ging nicht nur bei mir so. Wochen später kam mal eine besonders faule Truppe von Freunden bei mir vorbei. Sie alle hatten Adderall genommen, um zu lernen. Nun wollten sie nur noch einen Kaffee trinken auf dem Weg zur Bibliothek. Doch sie hatten falsch eingeschätzt, wann die Wirkung einsetzen würde. Als sie in meiner schmutzigen Küche standen, war es so weit. Entschlossen putzten sie die ganze Wohnung.

Aber chemische Scheuklappen reichen nicht, um eine Arbeit schnell und gründlich zu machen. Wer keine Alternative zu dem sieht, was er gerade tut, kann trotzdem noch trödeln. Es braucht mehr. Adderall liefert. Denn es verleiht Zuversicht. Ich wurde entscheidungsfreudig. Normalerweise haderte ich immer mit mir, wenn ich Hausarbeiten schrieb. Jede Entscheidung kam mir vor wie eine Weggabelung. Um zu wissen, welcher Weg ein Irrweg war, musste ich ihn durchdenken, ohne ihn zu beschreiten. Danach dann den eingeschlagenen Pfad gehen, ohne zurückzuschauen. Strecke machen. Wenn mich das Thema nicht interessierte, bekam ich das nicht hin. Auf Adderall wurde es ganz leicht. Der Weg war wie von Geisterhand ausgeschildert.

Als sieben Stunden vorbei waren, schluckte ich die übrige Hälfte der Kügelchen. Zwar fühlte ich mich immer noch hochkonzentriert. Aber das sollte auch so bleiben. Ich las und schrieb und las und schrieb, als wäre ich dem Thema meines Lebens begegnet. Dabei interessierte es mich in Wirklichkeit wenig. Auch deswegen hatte ich die Arbeit immer weiter hinausgeschoben. Jetzt vergaß ich alles andere, sogar meinen Hunger. Irgendwann ging die Sonne auf, da war ich fertig. Fünf Stunden vor der Frist. 

Hochstimmung befiel mich. Ich druckte meine Arbeit aus und spazierte zur Fakultät. Dort warf ich mein Werk in den vorgesehenen Briefkasten. Auf dem Deckblatt musste stehen: „Ich versichere, dass die Arbeit allein mein Werk ist und nach bestem Wissen und Gewissen keine Plagiate beinhaltet.“ Das konnte ich unterschreiben.

Konnte ich mich noch ohne Kapsel konzentrieren?

In den folgenden Tagen dachte ich immer wieder, ich hätte alle meine akademischen Probleme gelöst. Mein Eindruck war: Ich hatte besser gearbeitet als zuvor, mich dabei erfüllter gefühlt, und das in einem Bruchteil der Zeit, die ich sonst brauchte. Aber dann kamen mir Zweifel. Wo war der Haken? Konnte ich mich noch ohne Kapsel konzentrieren? Ja, es ging. Aber es kostete mich Disziplin, so wie immer. Mit Adderall ging es mühelos. Hatte ich Entzugserscheinungen? Nicht, dass ich wüsste. Ich fand den Haken nicht.

Dann kam er zu mir. Ich war mir sicher, ich hätte eine brillante Arbeit abgeliefert. Die Note passte dazu nicht. Solide, aber kein großer Wurf. Ich las mir meinen Text noch einmal durch. Dabei fiel mir auf, wie wenig ich in Erinnerung behalten hatte. Übergänge überraschten mich. Manche Formulierungen kamen mir völlig unbekannt vor. Mein Text war zwar stringent geschrieben und widersprach sich nicht selbst, aber das war’s auch schon. Was mir als elegante Schlussfolgerungen in Erinnerung geblieben war, stellte sich als uninspiriert heraus. Ich hatte eine Abkürzung genommen, die mir wie eine Expedition vorgekommen war. Einmal noch nahm ich Adderall, aber wieder hatte ich anschließend das Gefühl, ich hätte ohne Medizin eine interessantere Arbeit geschrieben. Dann ließ ich es bleiben.“

[2] VG Berlin, Urt. v. 09.02.2000 – 12 A 1570.97 ; Urt.v. 28.06.1995 – VG 12 A 192.94 (jeweils n.v.); vgl. hierzu auch BVerwG, Urt. v. 12.11.1997 – 6 C 11/96,NVwZ 1998, 859 = DVBl 1998, 422 = Buchholz 421.0 Nr. 384; VGH Mannheim, Beschl. v. 09.08.2002 – 9 S 1573/02 – NVwZ-RR 2003, 37 = KMKHSchR/NF 21C2 Nr. 34.

[3] Vgl. hierzu Zimmerling/Brehm, Rdnr.n 326 ff.

[4] BVerwG, Beschl. v. 10.08.1994 – 6 B 60.93, DVBl 1994, 1364 =Buchholz 421.0 Nr. 336; OVG Berlin, Urt. v. 02.07.2002 – OVG 4 B 11.00 (n.v.), bestätigt durch BVerwG, Urt. v. 24.02.2003 – 6 C 22.02 (n.v.)

[5] BVerwG, Urt. v. 12.11.1997 – 6 C 11/96, NVwZ 1998, 859 = DVBl 1998, 422 = Buchholz 421.0 Nr. 384.

[6] OVG Berlin, Urt. v. 02.07.2002 – OVG 4 B 11.00 (n.v.), bestätigt durch BVerwG, Urt. v. 24.02.2003 – 6 C 22.02 (n.v.).